Zeitlose Eleganz –
Zur Sammlung seltener
Möbel der Ming-Dynastie


Dr. Arne Sildatke - Auctionata Experte für asiatische Kunst

Dr. Arne Sildatke, Senior Specialist Asian Art

Die chinesische Möbelkunst erreichte in der Ming-Dynastie einen nie dagewesenen Höhepunkt. Das Möbelstück hatte sich final als eigenständiges Kunstobjekt im Raumzusammenhang emanzipiert, und seiner Ausgestaltung und seiner Konstruktion schenkte man nun besondere Beachtung. Möbel wurden zu Objekten der Distinktion, mit denen man den sozialen Status und den persönlichen Reichtum darstellen wollte. Soziale Rahmenbedingungen, gesellschaftliche und technische Entwicklungen führten somit zu dieser kulturellen Blüte, deren manifeste Zeugnisse noch heute die chinesischen Möbel darstellen.

Auctionata ist hocherfreut im Rahmen des Auktionszyklus im Dezember 2014, der sich in drei Einzelauktionen der asiatischen Kunst widmete, eine Auktion mit feinsten chinesischen Möbeln vorzustellen. Kern dieser Auktion war eine Sammlung seltener Möbelstücke der Ming-Dynastie, die aus dem früheren Besitz eines deutschen Diplomaten stammen. Der ehemalige Besitzer, ein ausgewiesener Kenner und Sammler der Kunst des Reichs der Mitte, hatte die Möbel Anfang des 20. Jhs mit nach Deutschland gebracht. Hier befanden sie sich seither in Familienbesitz und waren in der Auktion am 11.12.2014 bei Auctiona erstmals auf dem Kunstmarkt erhältlich.

Gu Hongzhong (910-980 n. Chr.): „Die nächtlichen Vergnügungen des Han Xizai"

Chinesische Möbel, besonders Möbel der Ming-Dynastie, wurden im Westen erst Anfang des 20. Jhs zu Sammlerstücken, als europäische und amerikanische Kunstkenner begannen, sich für diesen Aspekt der chinesischen Kunst zu interessieren. Während man in China selbst ungebrochen die Tradition dieser hohen Tischlerkunst schätzte, wurden die Möbel nun auch von westlichen Sammlern gesucht und in hohem Maße goutiert. Es war vor allem die wissenschaftliche Arbeit des deutschen Kunsthistorikers Gustav Ecke (1896-1971), die chinesische Möbel einem größeren Kreis von Kennern und Sammlern bekannt machte. Eckes bahnbrechende Publikation „Chinese Domestic Furniture“, welche er 1944 im vom Krieg zerrütteten China unter größten Entbehrungen verfasste, ist das erste Buch überhaupt, welches sich dem Thema Chinesische Möbel von wissenschaftlicher Seite nähert [1]. Aufbauend auf Eckes Arbeit waren es in der 2. Hälfte des 20. Jhs besonders US-amerikanische Sammler, Museen und Forscher, die zur kunsthistorischen Erforschung der chinesischen Möbelkunst beitrugen. Hierbei waren es stilistische Merkmale und Charakteristika, die die Faszination für die frühen chinesischen Möbel beflügelten. Ihre oftmals reduzierte, nahezu skulpturale Formensprache und die Konzentration auf Konstruktion in höchster technischer und ästhetischer Vollendung bot Schnittstellen mit modernen-zeitgenössischen Interieurs und ließen die Möbel in einem Sammlungskontext mit moderner Kunst zeitlos und elegant wirken.

Beeindruckender Zitan-Altartisch QIAOTOUAN, 16./17. Jh.

In der hier umschriebenen Sammeltradition steht auch die in unserer Auktion am 11.12.2014 angebotene Gruppe von seltenen, Ming-zeitlichen Möbeln. Unter ihnen finden sich Raritäten von höchster Güte, wie sie in dieser Dichte und Geschlossenheit einer über Jahrzehnte sorgfältig gehegten und gewachsenen Privatsammlung absolut selten sind. Manche der Möbel sind sogar vom Vorbesitzer auf ihr Alter hin naturwissenschaftlich untersucht worden und stützen somit die frühe Datierung dieser einmaligen Sammlung.

Zu den herausragenden Höhepunkten der Auktion zählte ein Zitan-Altartisch aus dem 16./17. Jh. (Los 13) Der Altartisch beeindruckt bereits aufgrund seiner imposanten Länge von über 3 Metern. Sogenannte Altartische, auf Chinesisch Qiáotóuàn (翘头案), dienten als Repräsentationsmöbel und waren oftmals an der Rückwand traditioneller Eingangshallen platziert [2]. Die immense Dimension dieses Tisches und die Verwendung des wertvollen und hochgeschätzten Zitan-Holzes lassen darauf schließen, dass sich das Möbel einst in einem Palast oder einem hochgestellten Haushalt befand. Vergleichbare Tische, entweder aus Zitan- oder Huanghuali-Holz, finden sich beispielsweise im Metropolitan Museum of Art in New York oder im Minneapolis Institute of Arts [3].

Sehr seltenes Huanghuali Daybed LUOHANCHUANG, 17. Jh.

Ein weiteres Objekt von musealer Bedeutung war das große Huanghuali Daybed aus der späten Ming-Dynastie (Los 10). Dieses ungewöhnliche Möbel ist charakterisiert durch seine überaus eleganten Proportionen, welche die hervorragende und expressive Maserung des edlen Huanghuali-Holzes optimal betonen. Besonders an den original erhaltenen Rücken- und Armlehnen zeigt sich das charakteristische, nahezu an Landschaften erinnernde Erscheinungsbild des Holzes, welches es bei Sammlern so begehrt macht [4]. Die darin eingeschnitzten Relieffelder mit Paaren von Chilong-Drachen mit Lingzhi-Pilzen sind Symbole der Langlebigkeit und erfreuten sich in der Ming Dynastie als Dekorationselement großer Popularität [5].

Der chinesische Name für diesen Möbeltypus, Luohanchuang (罗汉床) bedeutet wörtlich übersetzt „Bett eines Luohan (buddhist. Erleuchteter)“ und kam erst nachträglich für diese Form in Gebrauch. Diese Art von Möbel diente, wie es alte Darstellungen belegen, zum ungezwungenen Beisammensein, aber auch zum Empfang von Gästen und Besuchern [6]. Ruhebetten in dieser Form und von dieser Qualität zählen zu den seltensten und extravagantesten Möbeln der späten Ming-Dynastie und finden sich in wenigen, hochkarätigen Museumssammlungen [7].

Huanghuali-Tisch mit Wurzelholz, 15. Jh.

Ein besonders edles und frühes Beispiel für Ming-zeitliche Möbel war auch der rechteckigeHuanghuali-Tisch mit eingelegter Wurzelholz-Platte, zu dem ein wissenschaftliches Gutachten mit Altersbestimmung vorliegt (Los 6). Die eleganten Proportionen und die Wurzelholz-Tischplatte lassen darauf schließen, dass der Tisch einstmals zur Präsentation von Kunstgegenständen genutzt wurde, da man Wurzelholz aufgrund seiner expressiven dunklen Maserung besonders gern als Untergrund von Artefakten schätzte.

Neben der im Vergleich zum gelblich schimmernden Huanghuali-Holz dunkel erscheinenden Wurzelholz-Platte, wird das charakteristische Erscheinungsbild des Tisches durch die vier geschwungenen Stege bestimmt, welche auf jeder Seite die Beine mit der Unterseite der Tischplatte verbinden. Diese besondere Konstruktion, welche zur Stabilisierung des Möbels dient, wird in der Fachliteratur auch „Giant's Arm Braces“ genannt. Dieser Terminus ist eine westliche Übersetzung des chinesischen Ausdrucks „bawang chen“ (霸王撑), der in bildlicher Sprache auf die zusätzliche Stabilität dieser Konstruktion rekurriert.

Paar Huanghuali-„Yokeback“-Stühle, 16./17. Jh.

Abgerundet wurde diese außergewöhnliche Offerte an chinesischem Mobiliar von weiteren interessanten Stücken, wie mehreren Stühlen. DasPaar Huanghuali-„Yokeback“-Stühle mit ornamental beschnitzten Zargen repräsentiert einen klassischen Möbel-Typus, der aufgrund seines charakteristischen Erscheinungsbildes als „iconic“ gelten kann (Los 9).

Traditionell waren „Yokeback“-Stühle (im chinesischen Sichutouguanmaoyi), bekannt auch als „official's hat chairs“, wichtigen Gästen oder Familienmitgliedern hohen Ranges vorbehalten. Auch wenn der Stuhl mit einem prächtig bestickten, seidenen Überwurf versehen war, was dem damaligen Gebrauch entsprach, waren die beiden geschwungenen und überstehenden Enden der oberen Rückenlehne noch sichtbar. Sie verlängerten die Oberkörpersilhouette des Sitzenden und umgaben ihn, dank dieser visuellen Betonung, mit einer besonderen Würde [8].

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Fußnoten

[1] Vgl. Gustav Ecke, Chinese domestic furniture. Peking 1944 (Rutland 1962).
[2] Siehe dazu Handler, Austere Luminosity of Chinese Classical Furniture, University of California Press 2001, S. 224-238. Ferner vgl. Jacobsen, Classical Chinese Furniture in the Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis 1999, S. 126f.
[3] http://www.metmuseum.org/collection/the-collection-online/search/39612
https://collections.artsmia.org/?page=detail&id=31168
Siehe auch einen sehr ähnlichen Altartisch, allerdings aus Huanghuali-Holz, ebenfalls im Metropolitan Museum:http://www.metmuseum.org/collection/the-collection-online/search/42735
[4] Die elegante Form von dieser Art Ruhebetten in Verbindung mit expressiv gemasertem Huanghuali-Holz wird in Ming-zeitlichen Texten vielfach gelobt. Vgl. Berliner [Hg.], Beyond the Screen: Chinese Furniture of the 16th and 17th Centuries, Boston 1996, S. 118f.
[5] Vgl. ein weiteres Ruhebett, ebenfalls mit Drachen-Reliefs, in der Sammlung des Minneapolis Institute of Arts (https://collections.artsmia.org/index.php?page=detail&id=5183). Siehe auch: Jacobsen, Classical Chinese Furniture in the Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis 1999, S. 84.
[6] Vgl. Handler, Comfort and Joy: A Couch Bed for Day and Night, in: Journal of the Classical Chinese Furniture Society, Winter 1991, S. 4-19. Siehe auch die Darstellung auf der berühmten Malerei „Gu Hongzhong nächtliche Feierlichkeiten“ aus der Song-Dynastie. (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f8/Gu_Hongzhong%27s_Night_Revels_1.jpg)
[7] http://www.metmuseum.org/collection/the-collection-online/search/42745
Siehe auch: Jacobsen, Classical Chinese Furniture in the Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis 1999, S. 84f.
[8] Vgl. Berliner [Hg.], Beyond the Screen: Chinese Furniture of the 16th and 17th Centuries, Boston 1996, 104f.