Wagners Handschrift

Vor einigen Jahrzehnten versandte ein New Yorker Auktionshaus, dessen Name mit dem Buchstaben „S“ beginnt, seinen neuesten Katalog mit Autographen und Manuskripten. Ich nahm den Katalog eines Abends mit nach Hause, setzte mich in meinen Polstersessel und begann, mich ohne großes Interesse durch den Katalog zu arbeiten, bis ich zum Buchstaben „W“ kam. Dort las ich einen sehr ungewöhnlichen und fesselnden Eintrag. Es ging um einen Artikel Richard Wagners und Wagners Name war in Klammern gesetzt worden. Wie die meisten Leute, die zu Auktionen gehen, wissen, bedeutet ein Name in Klammern, dass der Gegenstand nach Ansicht des Herausgebers des Katalogs nicht von der genannten Persönlichkeit stammt. Dieser Eintrag beschrieb ein Musikmanuskript und die hinzugefügte ausdrückliche Meinung des Angestellten des Auktionshauses besagte, dass dieses nicht signierte Manuskript zweifellos, eindeutig, ganz sicher nicht von Wagners Hand stammte, sondern von der eines Sekretärs. Diese Art von Beschreibungen ist, zumindest für mich, immer ein Zeichen für eine „Möglichkeit“. Wer sagt, dass das Manuskript nicht von Wagners Hand stammt? Woher wollen sie das wissen? Welche Untersuchungen haben sie durchgeführt, welchen Beweis liefern sie? Ich bin der Erste, der zugibt, dass das Auktionshaus in 99 von hundert Fällen Recht hat. Aber in einem von hundert, oder zweihundert, oder fünfhundert Fällen hat es nicht Recht. Es macht einen Fehler.

David Lowenherz

  • Autographen

Je länger ich mir das Manuskript ansah, umso mehr fühlte ich, dass es, wie man sagt, „waschecht“ war, ein Manuskript, das vollständig aus der Hand Richard Wagners stammte.


Ich beschloss, einen Blick auf das Nicht-Wagner-Manuskript zu werfen, als man die zum Verkauf stehenden Objekte besichtigen konnte. Es war ein einzelnes Blatt Noten für die Ophikleide (ein Blechblasinstrument und im 19. Jahrhundert das Lieblingsinstrument der „romantischen” Schule) zu Wagners Tannhäuser-Ouvertüre. Man erkennt den ausgeprägten Part des Instrumentes in der Ouvertüre, wenn man sie hört. Das Schriftstück bestand hauptsächlich aus Musiknoten, kaum ein Wort war in der Handschrift des Komponisten geschrieben. Als ich mir das Manuskript ansah, das auf 2-300 Dollar geschätzt wurde (ein fairer Preis für etwas, das nicht aus Wagners Hand stammte), sah es allerdings nach Wagners Handschrift aus und ich begann mich zu fragen, ob der Verfasser des Katalogartikels Recht hatte, zu behaupten, die Musik sei in der Handschrift einer anderen Person verfasst. Die Tinte der wenigen Worte und die Tinte der Notenschrift waren identisch. Hatten der Schreiber und der Komponist ihre Federn in dasselbe Tintenfass getaucht? Unwahrscheinlich.


Je länger ich mir das Manuskript ansah, umso mehr fühlte ich, dass es, wie man sagt, „waschecht“ war, ein Manuskript, das vollständig aus der Hand Richard Wagners stammte. Zugegeben, nur ein einziges Blatt, aber ein Blatt aus der Tannhäuser-Ouvertüre - eines seiner berühmtesten Werke! Ich bat um eine Fotokopie, die ich in meine Handbibliothek in meinem Büro mitnehmen konnte, um sie mit bekannten Mustern von Wagners Handschrift zu vergleichen. Es ist nicht allgemein bekannt, aber vollkommen nachvollziehbar, dass die Handschrift jedes Komponisten genauso charakteristisch ist, wenn er Noten schreibt, wie wenn er Wörter schreibt. Aber ein nicht signiertes Musikmanuskript kann Probleme bereiten, da man damit vertraut sein muss, wie die Noten und anderen Formen der Notenschrift geschrieben werden, um ein Manuskript einem Autor zuzuschreiben. Es ist eine kleine Wissenschaft für sich. Ich stellte in relativ kurzer Zeit fest, dass das Manuskript gänzlich aus der Hand Wagners stammte.

Weitere Nachforschungen zeigten, dass es von einem anderen New Yorker Auktionshaus, dessen Name mit „C“ beginnt, verkauft worden war, wo es korrekt beschrieben worden war. In den dazwischen liegenden Jahren waren die Nachweise dazu irgendwie verloren gegangen. Dies war also ein echter „Fund”, das Vielfache seines geschätzten Preises wert. Großartig! Doch wie bekomme ich ihn?

Ich musste mir einen Plan zurechtlegen, um den Erwerb dieses unterbewerteten und seltenen Objektes zu sichern. Zum Plan gehörte Pizza.

Die Tatsache, dass das Manuskript am Ende des Verkaufs angeboten werden würde, bedeutete, dass ich ziemlich spät dazukommen konnte. Ich stellte mir vor, dass, wenn ich zu Beginn zur Auktion käme, das Risiko einging, anderen Kollegen oder Sammlern in die Arme zu laufen, die vielleicht, nur vielleicht, etwas sagen könnten wie: „So, was denken Sie über dieses Wagner-Manuskript?“ Oder „Werden Sie auf dieses Wagner-Exemplar bieten?“ Oder „Warum sind Sie eigentlich hier?“. Ich ließ den ersten Teil des Verkaufs aus und, bevor ich mich in die Nachmittagssitzung wagte, aß ich ein Stück Pizza in einem nahe gelegenen Restaurant, um mir die Zeit zu vertreiben, schaute kurz im Auktionshaus vorbei, um herauszufinden, welchen Artikel der Auktionator gerade verkaufte. Dann schneite ich, kurz bevor das Wagner-Manuskript unter den Hammer kommen sollte, herein. Auf diese Weise konnte mir niemand Fragen stellen. Ich saß hinten. Ich war sehr still und sehr nervös. Ich war dabei, einen Riesengewinn zu machen, richtig?

Das Los wurde aufgerufen und eröffnete mit 100 $. Ich bot 125 $. Der Auktionator bot 150 $ gegen mich. Ich bot 175 $. Stille. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten!” Ich bekam den Zuschlag für 175 $. Ich verkaufte das Manuskript wenige Monate später für etwa das 80fache des Preises, den ich bezahlt hatte. Nicht schlecht für einen Tag Arbeit und die Kosten für ein Stück Pizza!“