Eine Auktionssensation aus der hintersten Ecke des Kleiderschrankes

Als erfahrene Kleidungs- und Textiliensachverständige für die beliebte Serie „Antiques Roadshow“ im öffentlichen Fernsehen und Inhaberin des größten Auktionshauses der USA für historische Mode und Textilien erhalte ich viele Anfragen von Institutionen und Privatleuten, Sammlungen historischer Kostüme zu schätzen oder Gegenstände zur Aufnahme in meine Spezialauktionen zu prüfen. Eine solche Anfrage erreichte mich im Juni 2011 von einem Mann, der in der Nähe von Newark, New Jersey, lebte.

Der Mann beschrieb einige Kleidungsstücke für Männer aus dem 18. Jahrhundert und einige frühe amerikanische Textilien, die er gerne in unsere kommende Auktion geben wollte. Ich vereinbarte, während der Abholung verschiedener Kommissionsartikel aus einem nahe gelegenen Museum zu ihm zu kommen, um seine Sammlung zu besichtigen. Aus der Erfahrung der Vergangenheit hatte ich wenig Hoffnung, wirklich tolle Stücke zu entdecken.

Karen Augusta

  • Antike Textilien und Spitzen
  • Historische Mode

Unsere Modeauktion vom 2. November 2011 in New York City war voller Überraschungen, aber kein Los brachte die wartende Menge so zum Schweigen wie die Versteigerung des Zoot-Anzugs


Der Mann war sehr freundlich und hatte alle seine „Schätze“ in einem hohen Stapel auf den Esstisch gelegt. Ich ging die Stücke eines nach dem anderen durch und erzählte ihm, was er da tatsächlich hatte. Von allen Gegenständen wurden nur wenige für meinen Verkauf ausgewählt. Als ich diese einpackte, erinnerte er sich an ein Stück, das er hinten in seinem Schrank aufbewahrte und von dem er glaubte, dass es mir bestimmt gefallen würde. Ich war skeptisch, als er die Treppe hinauflief.

Wenige Minuten später kam er mit einem Herrenanzug aus zwei kontrastierend gestreiften Wollstoffen zurück, einer mit roten und grauen Streifen auf Cremeweiß und der andere mit blauen Streifen auf Beige. Die Hose hatte eine äußerst hohe Taille, einen 17"-Schlitz mit Reißverschluss und an den Aufschlägen eng anliegende Pluderhosenbeine. Die knielange Jacke hatte übertrieben gepolsterte Schultern, ein fallendes Revers aus den zwei verschiedenen gestreiften Stoffen und übergroße, lockere, aufgesetzte Taschen.


Er hatte den Anzug viele Jahre zuvor bei einem Hausverkauf in der Nähe von Newark für „um die 100 $“ gekauft. Der Hausbesitzer hatte ihn ihm als Clownskostüm beschrieben, aber der Mann, der mich gerufen hatte, wusste sofort, was es wirklich war. Er hatte ein Foto seines Vaters, eines Jazz-Musikers, das knapp vor dem 2. Weltkrieg aufgenommen worden war und auf dem er einen ähnlichen Anzug trug. Was er aus den Tiefen seines Schranks hervorgeholt hatte, war ein sehr seltener „Zoot“-Anzug.

Während eines kurzen Zeitraums in der Geschichte, 1938-1942, wurden diese Anzüge von den „Hep Cats” der frühen Jazz-Ära getragen. Das außergewöhnliche Design gefiel den städtischen Minderheiten, vor allem Latinos und Afroamerikanern. Als Amerika in den Krieg eintrat, wurde die übermäßige Verwendung von Stoff beschränkt und diejenigen, die diese Zoot-Anzüge trugen, galten als unpatriotisch. Ich hatte noch nie einen Zoot-Anzug außerhalb von Filmen, Cartoons und Wochenschau-Clips gesehen und wusste von nur einem in einem amerikanischen Museum - im Henry-Ford-Museum in Dearborn, Michigan.

Unsere Modeauktion vom 2. November 2011 in New York City war voller Überraschungen, aber kein Los brachte die wartende Menge so zum Schweigen wie die Versteigerung des Zoot-Anzugs. Das Bieten ging schnell zwischen den Bietern im Saal und denjenigen an mehreren Telefonleitungen hin und her, bevor schließlich zwei ernste Telefonbieter übrig blieben. Die Auktionatorin Leila Dunbar, eine Kollegin aus Antiques Roadshow, hielt das Publikum in ihrem Bann, als der Preis für den seltenen gestreiften wollenen Herrenanzug von seinem Eröffnungsgebot von 500 $ auf 65.000,00 US$ (78.000,00 US$ einschließlich der Kaufprämie) stieg. Der spektakuläre Verkaufspreis stellte einen neuen weltweiten Auktionsrekord für ein Herrenkleidungsstück der Arbeiterklasse des 20. Jahrhunderts auf. Für Augusta Auctions war es ebenfalls ein Verkaufsrekord. Und der Verkäufer war überglücklich!

Karen Augusta ist Expertin für Mode, Spitze und Textilien. Sie berät Museen und arbeitet als Gutachterin. Ihre Kindheit in Neuengland verbrachte sie inmitten von Kunst und Haute-Couture-Mode. Von ihrer Mutter, einer Modeillustratorin, lernte sie den Sinn für handwerkliche Details und Stil, von ihrem Vater, einem bedeutenden Bostoner Porträtkünstler, alles über Zusammenstellung und Geschichte der Kleidung. Sie begann in den 1960er Jahren, historische Kleidungsstücke zu sammeln.

In den 1970er und 1980er Jahren eröffnete sie Geschäfte für historische Kleidung, sie stellte Kleidung und Spitze in den ganzen USA aus, betreute Kleiderausstellungen in Museen und gründete in der Mitte der 1990er Jahre eine der ersten Websites für historische/alte Kleidung und Spitze. Seit 2001 schätzt Karen Kleidung und Textilien für Museen und Privatleute. Sie unterstützt auch Museen und andere Institutionen beim Verkauf ihrer Mode- und historischen Kleidersammlungen.