Ein weit gereistes Erbstück

Ich hatte seit vielen Jahren im Bereich der chinesischen Kunst gearbeitet und verbrauchte meine Zeit teils in China, teils in Paris. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer älteren Dame aus der Nähe von Montpellier. Sie erzählte mir, sie habe ein seltenes Gemälde, das ihr von ihrem chinesischen Vater hinterlassen worden sei, mit Briefen, die ihre Geschichte belegten. Sie fügte hinzu, dass ihr Vater ihr erzählt habe, der Maler sei ein sehr bedeutender Mann und, falls sie einmal Geld brauchen sollte, sie sich daran erinnern sollte, dass sie es in ihrem Besitz habe.

Ich wollte schon immer das Musée Fabre sehen, also kaufte ich eine Fahrkarte, auch wenn die Chance, dass es sich tatsächlich um ein seltenes Gemälde handelte, gering war, und schon bald reiste ich an die Südküste Frankreichs, um das Bild in Augenschein zu nehmen.

Pia Copper

  • Zeitgenössische chinesische Kunst
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Die alte Dame aus Montpellier bezahlte den Rest ihrer Hypothek und denkt sicher an diesen Tag mit ihrem Vater, der sorgfältig ein Gemälde verstaute, das ihr eines Tages im hohen Alter ein sorgenfreies Leben bescherte.


Die Dame war Halbchinesin (ihre Mutter war Französin). Die junge Familie war nach Frankreich ausgewandert, als die Kommunisten die Macht in China übernommen hatten. Sie lebte in einem einfach eingerichteten alten Haus außerhalb der Stadt, das aber mit kuriosen Dingen, Teppichen und Nippes gefüllt war, die ihr Vater aus seinem Heimatland mitgebracht hatte.

Aus einer Schublade nahm sie einen wunderschönen, handgeschriebenen Brief und ein Foto eines Auftragsölgemäldes - eines Portraits ihrer Mutter. Das Gemälde war später verloren gegangen. Aber sie hatte immer noch eine Tuschezeichnung. Ihr Vater hatte sie bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Astor Hotel in Shanghai gekauft, um jungen Chinesen ein Studium im Ausland zu ermöglichen.


Zufälligerweise hatte ich eine amerikanische Freundin in Shanghai mit einer Sammlung von Auktionskatalogen aus den 20er und 30er Jahren, als Shanghai die „Königin der verruchten Städte, des Opiums, der Kurtisanen und Gangster“ genannt wurde. Sie kannte den Peacock Ballroom und die dort abgehaltenen Auktionen. Schnell fand sie das Gemälde in einem ihrer zerlesenen Shanghai-Jahrbücher, eine abstrakte und kraftvolle Tuschezeichnung von Lin Fengmian, Chrysanthemen in einer Vase. Es war zwar nicht datiert, doch dies war zweifellos ein seltenes und frühes Werk, das das Experimentieren des Künstlers mit der chinesischen Ästhetik ahnen ließ.

Als ich das Gemälde für die Auktion zurück nach Paris brachte, stellte ich mir all die Geschichten und Erinnerungen vor, die ein Gemälde wachrufen kann. Eine schöne Französin heiratet im Shanghai der 1930er Jahre einen Chinesen, verlässt ihr Heimatland, ihre Anmut wird in einem Gemälde festgehalten, ein Gemälde geht im Wandel des Lebens verloren.

Ich dachte auch an die Ironie der Geschichte, eine Auktion, die veranstaltet wird, um chinesischen Studenten zu helfen, die im Ausland studieren möchten, endet in Frankreich mit der Tochter eines chinesisch-französischen Paares, schreibt aber mit seinen breiten Tusche- und Gouache-Strichen, die vielleicht an Einflüsse von Picasso und der späteren Fauvisten auf die chinesische Kunst denken lassen, selbst Geschichte. Wessen Reise nach Europa hatte das Gemälde bei der Auktion finanziert? Die des politischen Erfinders des Kapitalismus in China, Deng Xiaoping, oder der von der Kurtisane zur Malerin avancierten Pan Yuliang, die zu Matisses Geliebter wurde und Vorläuferin eines neuen Aktstils war… Geschichte besteht aus Geschichten.

Das Gemälde wurde für über 50.000 € verkauft und setzte seine Reise rund um die Welt fort. Die alte Dame aus Montpellier bezahlte den Rest ihrer Hypothek und denkt sicher an diesen Tag mit ihrem Vater, der sorgfältig ein Gemälde verstaute, das ihr eines Tages im hohen Alter ein sorgenfreies Leben bescherte.