Die kostbaren Vögel, die dem Wasser entkamen

Vor einigen Jahren begab ich mich auf den zweifellos ungewöhnlichsten Kundenbesuch, den ich jemals gemacht hatte. Die Tochter eines älteren Herren kontaktierte mich und erzählte, ihr Vater sei in ein Heim für betreutes Wohnen gezogen und, bevor sie das Haus zum Verkauf anböte, möchte sie gerne, dass jemand komme und seine Sammlungen durchsehe, um zu prüfen, ob etwas Wertvolles dabei sei, das versteigert werden könnte. Also fuhren ein Kollege und ich zu einem kleinen Farmhaus in einer Vorstadt in New Jersey, wo die Tochter uns erwartete. Dann informierte sie uns, dass sieben Jahre zuvor die Wasserleitungen in der Küche verrottet und geplatzt seien und die Wohnung überschwemmt worden sei und dass ihr Vater sie nie ersetzt habe oder, nachdem das Wasser zurückgegangen war, groß sauber gemacht habe. (Er hatte für gewisse Bedürfnisse eine kleine Latrine im Garten gebaut, aber das war das einzige verfügbare Wasser). Dann ließ sie uns ein.

Deleted: Lisa Ramaci

  • Arts and Crafts

Ich war etwas überrascht, so schöne Dinge inmitten solchen Schmutzes und solchen Verfalls zu finden. Ich ahnte ja nicht, dass dies nur ein Vorgeschmack auf noch Größeres war.


Das Erste, was wir bemerkten, war der Geruch von Staub, Schimmel und Moder, das Zweite, dass überall „Krempel“ war. Bücher, Brettspiele, Nippes, Möbel aus den 1950er Jahren, Spielzeug, Sportgeräte, Köder und Stapel diversen Trödels - wohin auch immer ich blickte, waren Dinge gestapelt, vollgestopft, in Taschen gesteckt, in Schachteln gepackt oder fielen von Regalen. Wir waren jedoch schon in zahlreichen Messie-Wohnungen wie dieser gewesen und waren bereit für die Herausforderung. Also suchte sich jeder einen Raum aus, in dem er beginnen wollte. Ich wählte einen kleinen Nebenraum, der mit Postern und Plakaten vollgepackt war, die sich auf Tischen stapelten und von denen jeweils 20 Stück übereinander an den Wänden lehnten. Der Teppich, auf dem ich stand, hatte sich buchstäblich zersetzt - er war bei der Überschwemmung durchnässt worden, und, anstatt ihn herauszureißen, hatte der alte Herr ihn einfach an Ort und Stelle verrotten lassen.


Ich ging eine Weile durch verschiedene Stücke mit geringem Sachwert, dann stieß ich plötzlich auf ein kleines Versteck mit originalen handkolorierten ornithologischen Drucken aus dem frühen 19. Jahrhundert von John Gould, einem der größten Vogelkünstler aller Zeiten. Goulds Zeichnungen werden für ihre Komposition, die genauen Details und die Farbgebung hoch geschätzt, und ich war etwas überrascht, so schöne Dinge inmitten solchen Schmutzes und solchen Verfalls zu finden. Ich ahnte ja nicht, dass dies nur ein Vorgeschmack auf noch Größeres war.

Nachdem ich die Stapel auf den Tischen durchgesehen hatte, wandte ich mich den größeren Gegenständen zu, die gegen die Wände gelehnt worden waren. Die meisten von ihnen waren wiederum recht uninteressant, aber, nachdem ich ein großes Filmposter umgewendet hatte, starrte ich plötzlich, wie ein Leuchtfeuer in der Nacht, auf etwas, das ein originaler Double-Elephant-Portfolio-Druck der ersten Auflage von John James Audubon schien, dem bei Weitem berühmtesten aller amerikanischen Naturgeschichtekünstler.

Diese riesigen Bilder aus seiner monumentalen Veröffentlichung „The Birds of America”, die, als Sie abgeschlossen war, insgesamt 435 handkolorierte Drucke umfasste. Diese können, je nach den dargestellten Vögeln, bei Auktionen Preise im fünf- bis sechsstelligen Bereich erzielen. Daher suchte ich nach dem Wasserzeichen „J. Whatman 1832“, das auf allen echten Audubons der ersten Auflage zu finden ist, um zu bestätigen, dass dies wirklich ein Original war. Ich war überwältigt, als ich erkannte, dass das Bild echt war, und flog geradezu durch die übrigen Ephemera und fand noch zwei davon. Ich nahm meine Hauptgewinne vorsichtig an mich und bahnte mir den Weg ins Wohnzimmer, wo mein Kollege verschiedene wertvolle Bücher ausgegraben hatte, aber als er die Audubons und Goulds sah, stimmte er zu, dass ich definitiv den größten Fang gemacht hatte.

Neugierig fragte ich die Tochter, wo ihr Vater so wertvolle Drucke erworben habe; sie erzählte mir, dass er in den 1940er Jahren häufig die Buchläden, die einst die Fourth Avenue in Manhatten säumten, besuchte und alle Poster und Drucke dort gekauft habe, die in dem Raum, in dem ich gewesen war, so willkürlich aufeinander gestapelt worden waren. Keines von ihnen war jemals gerahmt oder aufgehängt worden, sie hatten alle noch die Original-Verstärkung aus Karton und den Kunststoffschutz, in dem er sie gekauft hatte, und ich habe keine Ahnung, wie sie der Zerstörung durch die Überschwemmung entgehen konnten. Was ich nicht fragte, war, warum er, wenn er solche Schätze hatte, nicht einige von ihnen verkauft hatte, um seine Wasserleitungen zu reparieren, aber letzten Endes bin ich froh, dass er es nicht getan hat, denn wenn er es getan hätte, hätte ich nicht das aufregende Erlebnis gehabt, sie zu entdecken.

Wir verkauften die Audubons und Goulds insgesamt für etwa 100.000,00 $, die Familie war überglücklich. Von da an hoffte ich insgeheim jedes Mal, wenn ich einen Kundenbesuch machte, mehr solche überraschenden versteckten Schätze zu finden, doch bisher hatte ich kein Glück. Ich muss einfach nur weiter suchen!