Die gestohlene Uhr

Zur Vorgeschichte:

1. der Vorfall ereignete sich vor etwa 20 Jahren. Damals gab es kein Internet, keine E-mails (Gott sei dank), geschweige denn „flat rate“ Telefonieren noch Telefonnummererkennung auf dem Display. „Connectivity“ geschah durch persönliches Treffen oder Telefonanrufe.

2. Im Zuge meiner Arbeit als Uhrmacher und Restaurator habe ich mich immer für deutsche, regionale Bodenstanduhren interessiert. Diesbezüglich habe ich ein ziemlich gutes Gedächtnis.

3. Ich werde oft telefonisch um allgemeinen Rat von Sammlern, Museen, Händlern, und anderen zwielichtigen Gestalten gebeten. In der Tat wollen die Anrufer meistens nur ihre eigenen Meinungen bestätigt haben und, wenn dies nicht sofort geschieht, habe ich sowieso keine Ahnung.

4. Um die betroffenen Personen nicht zu kompromittieren (das könnte auch heute heißen „wegen Datenschutz“), muss ich die Namen und einige Details verändern.

Deleted: Ian Fowler

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Er war sicher, dass es sich um eine und dieselbe Uhr handelte, die er auch vor Jahren angesehen hatte, und meinte, ich sollte bei der Polizei anrufen.


Eines Abends im Sommer wurde ich von einem Sammler/ Händler, Herrn Kurz angerufen, der wieder etwas kostenlos wissen wollte (nebenbei bemerkt hat er mich mit eigentlichen Arbeiten nie beehrt). Anschließend teilte er mir auch mit, dass sich eine ausgefallene Bodenstanduhr aus der angrenzenden Region mit floralen Schnitzereien und einem herzförmigen Fenster in der Tür in dem Geschäft von einem Antiquitätenhändler Potthoff in einem Nachbardorf von uns befand. Diese Mitteilung nahm ich zur Kenntnis, ohne ihr eine große Bedeutung beizulegen. Einige Minuten später rief ein befreundeter Kunde, Joseph Schulte zufällig an, der solche Bodenstanduhren gerade aus dieser, seiner eigenen Region selber sammelte, und außerdem fast alle andere kannte, die er nicht besaß. Mir fiel das vorherige Gespräch mit Kurz ein und ich konnte die Bodenstanduhr noch sehr genau beschreiben, die jetzt angeblich im Geschäft von Potthoff im Nachbardorf stand.


„Moment“, sagte Schulte, „ich hole gerade die Lokalzeitung vom letzten Samstag.“ Nach einer kurzen Pause las er einen Artikel mit ungefähr folgendem Worlaut vor: - „....gestohlen aus einem alleinstehenden, zur Zeit unbewohnten Haus in........einige Möbel, u.a. eine Bodenstanduhr mit floralen Schnitzereien und einem herzförmigen Fenster in der Tür..........Die Kriminalpolizei in ...... erbittet sachdienliche Hinweise unter der Telefonnummer......usw.“ Er war sicher, dass es sich um eine und dieselbe Uhr handelte, die er auch vor Jahren angesehen hatte, und meinte, ich sollte bei der Polizei anrufen.
„Nein!“ habe ich schnell reagiert, „das muss du machen. Du kennst die Uhr viel besser. Außerdem bist Du viel näher dran und für Dich ist es nur ein Ortsgespräch.“ (Ich möchte hiermit betonen, dass ich nicht feig bin, wenn auch damals mit dem Telefonieren etwas geizig war.) Er stimmte zu, aber es wurde vereinbart, dass ich zu dem Geschäft fahre und das Objekt vorher im Geheimen begutachte.

Am nächsten Tag habe ich als Tarnung zum ersten Mal meinen neuen Fahrradhelm (ein Geschenk von übervorsorglichen Freunden - damals wurde das Tragen von Helmen belächelt) und eine Sonnenbrille angezogen und mich auf den Weg gemacht mit der Absicht, die Uhr unauffällig und unerkannt beim Herumstöbern im Geschäft anzusehen. Ich hatte mit dem Antiquitätenhändler geschäftlich nie etwas zu tun gehabt und fühlte mich sicher, wollte aber den Helm und die Sonnenbrille anbehalten. Nach einer Fahrradfahrt in der heißen Sonne erreichte ich das Geschäft, tritt schweiß gebadet ein und wurde von Potthoff mit Namen begrüßt. Jedenfalls handelte es um die gestohlene Uhr, und Schulte musste jetzt seinen Teil der Vereinbarung einlösen. Er wollte aber auch nicht bei der Polizei aktenkundig werden und rief anonym an. Somit endete vorläufig die Geschichte aber wir waren trotzdem noch neugierig. An dem nachfolgenden Sonntag bin ich mit Auto an dem Geschäft vorbeigefahren und konnte durch das Schaufenster schnell feststellen, dass die Uhr nicht mehr da war. Schulte konnte es auch nicht lassen und rief, wieder anonym, bei der Polizei an. Nach seiner Präambel, dass er sich schon vor einer Woche anonym wegen der gestohlenen Bodenstanduhr gemeldet hatte, und wollte jetzt wissen, was damit passiert war, usw. usw, erfolgte seitens des Polizeibeamten ein Schweigen. Danach antwortete er sehr freundlich: „Guten Tag, Herr Schulte, ich kenne Sie doch. Schade, dass Sie sich anonym gemeldet hatten, denn eine kleine Belohnung wurde zur Aufklärung des Falls ausgesetzt.“

Monate später hörte ich aus anderen Quellen, dass Potthoff den Kurz verdächtigte, ihn bei der Polizei verpfiffen zu haben, da er sich ursprünglich für die Uhr interessiert hatte. Das war für mich eine gewisse Belohnung.