Der gehbehinderte Professor

Die Adresse war nobel, das Haus groß und geschmackvoll eingerichtet. In der Villa herrschte eine allgemeine Hektik, denn der Nachlassverwalter plante eine Auktion. Und ich war nicht der Einzige, der zur Besichtigung gekommen war. Viele Besucher waren da, auch einige der Erben, die bereitwillig Auskunft über dieses und jenes gaben.

Menschen kamen und gingen. In der Garderobe stapelten sich die Mäntel und Jacken, Hüte und Schirme. Hier entdeckte ich in einer Ecke – ganz unscheinbar – zwei Dutzend antike Gehstöcke. Typisch, dachte ich. Viele ältere Leute brauchen einen Gehstock, so wohl auch der Professor.

„War Ihr Vater gehbehindert?“, fragte ich die Tochter des Professors. „Nein, der ist bis zum Schluss gelaufen, jeden Tag mit dem Hund, da, im Wald“, antworte sie zu meiner Überraschung und zeigte mit dem Finger durch ein Fenster nach draußen.

Thomas Seipt

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„Die wollen Sie doch nicht versteigern, oder?“ „Doch, genau das wollen wir.“


Wozu dann die vielen Stöcke? Ein zweiter, etwas genauerer Blick offenbart: Das sind keine gewöhnlichen Gehstöcke, sondern sogenannte Systemstöcke. Jeder einzelne. Im Inneren verborgen: Nähzeug, Fernrohr, Füllfeder, Brille, Sanduhr, Angelrute, Besteck, Zirkel, und und und.


Der Professor war offenbar ein Liebhaber solcher Stöcke – und hat es niemandem erzählt. „Werden diese Stöcke noch gebraucht?“ „Nein, die können Sie gerne gleich mitnehmen. Die sind nicht mal auf der Inventarliste. Die wollen Sie doch nicht versteigern, oder?“ „Doch, genau das wollen wir.“

Ein paar Wochen später herrschte dann Klarheit. Die weniger spannenden Stöcke erzielten ein paar hundert Euro, der teuerste zehntausend! In der Summe waren es fast fünfzig Stück, denn überall im Haus wurden später noch weitere gefunden. Das Gesamtergebnis: 51.200,- Euro. Exakt hundert Euro mehr, als die Sanierung der Villa gekostet hat, wie mir die Erben lachend versicherten.