Das Tauschgeschäft

Flohmarkt in Hamburg. Fischmarkt 1969. Mein Angebot auf dem wackeligen Tapeziertisch war nicht gerade das, was man ohne rot zu werden, einem Auktionator hätte anbieten können. Schließlich war meine alte Tante, deren Haushalt ich an diesem Tag verhökern wollte, nicht eine von den Herrschaften gewesen, deren Adresse an der Elbchaussee mit den ungeraden Nummern zu finden war. Alles ein wenig bescheidener. Nette Dachwohnung in Eppendorf, fünfte Etage. Schönes Jugendstil-Treppenhaus, leider die beiden letzten Stockwerke ohne Lift. Ja, dort oben unter dem Dach, da hatte sie froh und glücklich bis zu ihrem Tod gelebt. Und nun hatte ich als Lieblingsneffe ihren Haushalt aufzulösen. Was schleppte ich mich mit all dem Kram ab! Ein komplettes Kaffee-Service war aus dem Karton gerutscht, als der schlecht verklebte Boden nachgab und Tassen, Teller, Sahnekännchen und Kanne vom fünften in den vierten Stock hinabrauschten. Dass aber auch ausgerechnet das Porzellan kaputt gehen musste, von dem ich mir am ehesten Gewinn versprochen hatte!

Dr. Bernd Schmoller

  • Antike Uhren

Wenn ich heute Jahrzehnte später, ein Auktionshaus betrete, denke ich oft daran, welche Geschichten all diese alten Dinge erzählen könnten, die nichts mit Wert oder Herkunft zu tun haben.


Als Student war man doch meist knapp bei Kasse, besonders zum Monatsende hin. Jetzt hockte ich schon den ganzen Tag auf dem harten Klappstuhl und hatte auch dies und das verkauft. Immerhin waren schon fast hundertfünfzig Mark in meinem Brustbeutel. Gleich würde ich alles wieder in den alten Käfer packen und es beim nächsten Mal wieder versuchen, vielleicht auf dem anstehenden Straßenfest in Eimsbüttel. Neben dem Sinologie-Studium auch noch Flohmärkte zu machen, das war mein täglich Brot. Aber da war ich in den späten Sechzigern nicht alleine. Gleich zwei Stände weiter erzählte eine Kommilitonin aus dem Buddhologie-Kurs den Flohmarktbesuchern immer wieder die lange und völlig frei erfundene Story über die Herkunft ihrer Hüte und Schals: Das seien alles äußerst seltene und exklusive Modelle aus Frankreich. Sie selbst habe dort in einem Schloss an der Loire, direkt am Wasser, ihre halbe Kindheit verbracht. Daher auch ihr Name Yvette-Sophie.


Die Kundinnen, die sich bei ihr für einen breitkrempigen Hut mit Tüllschleier und Seidenrose oder für ein mit Goldfaden durchwirktes Schultertuch entschieden, hingen ihr förmlich an den Lippen. Sie glaubten Yvette-Sophie, die schlicht und ergreifend als Anneliese in Lünen das Licht der Welt erblickt hatte, einfach alles, was sie von den Damen der französischen Aristokratie erzählte. Dabei waren alle Textilien ausrangierte oder günstig erstandene Stücke, die aus einem aufgelösten Theaterfundus stammten. Und ich bewunderte auch Samet, der meist seinen Stand mit allerlei Orient-Kitsch gegenüber hatte. Ich bewunderte ihn, wenn er wieder einmal zu Hochform auflief und den ganzen Tag laut über den Markt brüllte: „Aali heute Gebuurtstag. Heute alles billiich. Aali alles selber aus Wüste geholt!“ Er war einer von denen, die am meisten verkauften. Seine „Airport-Art“, wie er seine Ware im Freundeskreis lachend nannte, ging weg wie warme Semmeln. Dass er kurz vor dem Abschluss seines Medizinstudiums stand, wussten nur Eingeweihte. Ich gehörte dazu und amüsierte mich über seine Verkaufstechnik. Ach, wenn ich das doch drauf hätte! Und ich wusste auch, dass Samet sonst ein ausgezeichnetes Deutsch sprach. Nun hatte ich meinen Krempel bis auf ein zwei Sachen im Auto verstaut. Jetzt nun noch den Beistelltisch von Tante Ada oben drauf und dann ab nach Hause unter die Dusche. „Was mökten Sie für diese Tisch da?“ fragte mich eine tiefe Stimme. „Was ist er Ihnen denn wert?“ fragte ich zurück. „Oui, isch abe ier eine Brosch mit ein paar Steine. Isch mökte sie nischt mehr sehen. Tausche Sie mir mit Ihre kleine table?“ Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich jetzt noch mit dem blöden Tisch zu befassen. „Ja, gut, meinetwegen, das eine Bein ist sowieso locker, und er könnte auch mal etwas Politur vertragen. Geben Sie mir die Brosche, und dann mache ich hier Feierabend.“ „Oh, Monsieur, Sie befreien misch von eine große ...fardeau...wie sagt man? Von eine große Last. Merci!“ Ich war froh, dass ich das kleine Möbel nun gut los war, denn es nahm im Auto doch ganz schön viel Platz ein.

Nun war ich also Besitzer einer ovalen Brosche mit ein paar Glassteinen. Schade, dass die Sache mit Uschi gerade aus war. Sie hätte sich vielleicht über so ein kleines Geschenk gefreut. Obwohl, sicher war ich mir da auch nicht. Ich ließ die Brosche in meiner Hosentasche verschwinden. Mehr aus Zufall, denn aus großer Neugier, landete ich im Geschäft eines befreundeten Antiquitätenhändlers am Gänsemarkt. Ich hielt ihm meinen Tausch unter die Nase, den ich immer noch in der Hosentasche mit mir herumschleppte. Der alte Fuchs aus der Schmuckbranche setzte sich eine Lupe vors Auge. Dann hüstelte er ein wenig. „Da haste aber einen wirklichen Goldfisch geangelt, meine Junge. Wo hast du das Teil denn her und wie viel hast du dafür gezahlt?“„Eigentlich nichts. Ich habe es am Ende eines Flohmarkts gegen einen alten Beistelltisch meiner verstorbenen Tante eingetauscht. Meinen Sie, das Teil ist etwas wert?“ fragte ich nun doch ein wenig aufgeregt zurück. Der Alte schmunzelte nur und gab mir den Rat, damit ins Auktionshaus zu gehen, das gleich um die Ecke lag. Sechs Wochen später war bei mir dann Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einmal. Satte dreitausend Mark hatte meine ovale, nun strahlendschöne Goldbrosche mit ihren lupenreinen Steinen gebracht. Flohmärkte habe ich danach trotzdem noch gemacht. Auch mein Studium schloss ich ab. Ich hatte nach diesem sensationellen Ergebnis nicht den Boden unter meinen Boots verloren. Aber bis heute frage ich mich, wer war der Monsieur, der mir diese Brosche gab? Warum wollte und konnte er sie nicht mehr sehen? Seiner feinen und zurückhaltenden Art und seinem Akzent nach, kam er vielleicht aus einem der Loire- Schlösser, von denen Yvette-Sophie alias Anneliese vom Datteln-Hamm-Kanal immer so schön fabulierte. Auch erfuhr ich nie den Grund, warum der alte Händler mir den Gewinn überließ. Wenn ich heute, Jahrzehnte später, ein Auktionshauses betrete, denke ich oft daran, welche Geschichten all diese alten Dinge erzählen könnten, die nichts mit Wert oder Herkunft zu tun haben. Geheimnisse, die sie für immer für sich behalten.