Vergessenes Aquarell von Egon Schiele entdeckt

Am 21. Juni um 18 Uhr wurde bei Auctionata ein spektakulärer Fund live im Internet versteigert:
Egon Schieles Aquarell Liegende Frau (Reclining Woman),
ein Meisterwerk aus dem Jahr 1916. Das Bild wurde von den
Auctionata-Experten nach über einem halben Jahrhundert
in einem privaten Nachlass entdeckt und erzielte in der Auktion
das Rekordergebnis von 1.827.000 € (inkl. Käuferaufgeld).


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Was ist das Besondere an diesem Bild?

Die international renommierte Schiele-Expertin und Verfasserin des Werksverzeichnisses von Egon Schiele, Jane Kallir, sagt: „Dieses Blatt kann sicherlich als eines der spektakulärsten Aquarelle von Egon Schiele bezeichnet werden, das in den letzten Jahren zum Verkauf angeboten wurde. Aufgrund der langen lichtgeschützten Aufbewahrung in einer Mappe zeigt sich das Werk in leuchtenden Farben und einem exzellenten Erhaltungszustand.“

Tatsächlich erreichten vergleichbare Aquarelle Schieles in der Vergangenheit bei internationalen Auktionen Zuschläge von bis zu $ 10 Millionen (€ 7,5 Millionen). Weltweite Aufmerksamkeit erregte vor kurzem die Versteigerung des Schiele Aquarells Liebespaar, das mit $ 12,4 Millionen (€ 9,2 Millionen) einen neuen Auktionsrekord für Papierarbeiten des Künstlers erzielte.

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Schieles "Liegende Frau" abspielen Schiele Liegende Frau Aquarell
Egon Schiele, Liegende Frau, 1916. Gouache, Wasserfarbe und Bleistift auf
cremefarbenem Velinpapier. Am unteren rechten Bildrand signiert und datiert.
48 x 31,6 cm. Kallir D. 1824b.

Die Geschichte des
vergessenen Meisterwerkes

Von Egon Schiele handsignierte Mappe mit Reproduktionen aus dem Jahr 1917
und dem Original Liegende Frau aus dem Jahr 1916

Welch unglaubliche Geschichte sich aus der Suche nach professioneller Hilfe bei der Abwicklung der umfangreichen Hinterlassenschaft ihres Vaters ergeben sollte, hätte sich die Einliefererin des vergessenen Aquarells von Egon Schiele niemals träumen lassen: „Nach intensiver Suche stieß ich schließlich im Internet auf Auctionata und dessen breit gefächertes Expertennetzwerk. Innerhalb von zwei Stunden nach Absenden meiner Schätzungsanfrage rief mich ein Experte zurück und wir vereinbarten einen Haustermin für eine kostenlose Schätzung.“

Bei Durchsicht der Bibliothek entdecken die Auctionata-Experten in einer Mappe das Original Liegende Frau aus dem Jahr 1916, verborgen zwischen Reproduktionen von Aquarellen Egon Schieles aus dem Jahr 1917. Die Fachleute von Auctionata legen das originale Aquarell Jane Kallir, Verfasserin des Catalogue Raisonné Egon Schiele: The Complete Works, zur Authentifizierung vor. Diese bestätigt nach eingehender Prüfung am Original dessen Echtheit. Damit ist es erstmals einem deutschen Kunst- und Auktionshaus gelungen, ein bedeutendes Werk Egon Schieles für eine Onlineauktion zu akquirieren.

„Fast wäre die Liegende Frau zusammen mit der Mappe im Altpapier gelandet, als wir die Sachen meines verstorbenen Vaters durchsahen. Das Original schlummerte für uns verborgen im Nachlass, nur mein Vater wusste um seine Existenz und seine Bedeutung.“
In der Auktion am 21. Juni 2013 um 18.00 Uhr werden sowohl das Aquarell von Egon Schiele aus dem Jahr 1916 als auch die vom Künstler handsignierte Mappe live im Internet versteigert.


Schieles 'Liegende Frau'
Was sagen die Experten?

Schiele Expertin
J. Kallir abspielen
Jane Kallir ist die international renommierte Expertin für Egon Schiele. Sie ist
seit 1978 Co-Direktorin der Galerie St. Etienne, New York, der ältesten auf
deutschen und österreichischen Expressionismus spezialisierten
US-amerikanischen Galerie

Jane Kallir, Verfasserin des Werksverzeichnisses:

Auszüge aus Jane Kallirs Kommentar:
Angesichts der wenigen im Jahr 1916 entstandenen Werke spielt das Bild Liegende Frau als Wendepunkt im Gesamtwerk Schieles eine wichtige Rolle. Zwischen 1914 und 1917 entwickelte Schiele allmählich einen Stil, der deutlich klassisch-realistischer (und schöner) war als seine ausgeprägt expressionistischen Arbeiten der Jahre 1910-11.

In der Liegenden Frau zeigt sich diese Entwicklung an der kontrastiven Gegenüberstellung der flächig gezeichneten Jacke und der feinen Konturen des Frauenkörpers. Trotz seiner abstrakten Eigenschaften besitzt die Liegende Frau eine materielle, skulpturhafte Präsenz. Hier deutet sich bereits jene Koloriertechnik an, die Schiele in seinen berühmtesten Aquarellen aus dem Jahr 1917 eindrucksvoll zur Anwendung bringt: Dem nackten Unterkörper der Frau hat der Künstler mit einer durchscheinenden, bräunlichen Lavur seine Grundform gegeben. Anschließend verwendete er stärker deckende rote und grüne Gouache, um die anatomisch und emotional bedeutenden Bereiche hervorzuheben und herauszuarbeiten. Die verkürzte, liegende Haltung mit Fokus auf das Gesicht und die extrem perspektivische Darstellung der Beine kehren ebenfalls in Schieles Zeichnungen aus dem Jahr 1917 wieder.


Victor Wiener, Kurator und früherer Direktor
im Auktionshaus Christie’s:

Das Aquarell mit Gouache ist ein visionäres Beispiel für Schieles ausgereiften Stil. Es zeigt die erotischen Gefühlsregungen, die man von Werken aus den letzten Lebensjahren des Künstlers kennt – Arbeiten, die bei Sammlern sehr begehrt sind. Zudem ist die Pose des provozierenden Aktes, verführerisch auf dem Bauch liegend mit dem sehnsüchtigen Blick auf den Betrachter gerichtet, seltener als Schieles andere, konventionellere Studien von weiblichen Akten.

Ursprünglich wurde das Werk in schwarz-weiß in Die Graphischen Künste veröffentlicht. Später kolorierte Schiele das Bild und datierte es auf 1916.

Ein vergleichbares Blatt, Schieles Aquarell Liebespaar, erzielte vor kurzem bei einer internationalen Auktion mit $ 12,4 Millionen (€ 9,2 Millionen) einen neuen Auktionsrekord für Papierarbeiten des Künstlers.

Victor Wiener


Egon Schiele – Ein Künstlerleben

Egon Schiele (1890 - 1918) zählt neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten Künstlern der Wiener Moderne. Sein Ausnahmetalent wird früh entdeckt. Bereits mit 16 Jahren wird er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste aufgenommen, die er jedoch schon nach drei Jahren wieder verlässt, um 1909 zusammen mit Gleichgesinnten die Wiener Neukunstgruppe zu gründen. Im gleichen Jahr werden vier seiner Werke in der Internationalen Kunstschau gezeigt.

Unter dem Einfluss von Gustav Klimt, mit dem er seit 1907 befreundet ist, sowie durch seine Faszination für ostasiatische Kunst entwickelt Schiele bald seinen ganz eigenen Stil. Bereits im Alter von 20 Jahren hat der „Frühvollendete“ seine künstlerische Eigenständigkeit erreicht.

1911 verlässt er Wien und erlebt eine seiner künstlerisch produktivsten Perioden. Sein Lebensstil wird außerhalb Wiens allerdings als skandalös empfunden. Der von einem Gericht festgestellte Tatbestand der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ führt gar zur Verurteilung und Inhaftierung.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Schiele 1915 zum Militärdienst eingezogen. Vier Tage vor seinem Antritt heiratet er seine langjährige Freundin Edith. Sein Dienst in Wien erlaubt es ihm, in seiner Freizeit in seinem Hietzinger Atelier weiter zu arbeiten. 1916 wird Schiele jedoch in ein Kriegsgefangenenlager versetzt und findet kaum noch Zeit für seine künstlerische Arbeit. Trotz der Kriegswirren werden Schieles Werke in den Jahren 1917/18 auch in Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen gezeigt.

Den großen Durchbruch schafft Schiele 1918 mit einer Gruppenausstellung der Wiener Secession, wo er im Hauptsaal eine große Auswahl an Gemälden und Zeichnungen der Öffentlichkeit präsentieren kann. Es folgen Beteiligungen an der Ausstellung Ein Jahrhundert Wiener Malerei im Kunsthaus Zürich und Schauen in Prag und Dresden. So stand der 28jährige auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, als die Spanische Grippe zuerst seine im sechsten Monat schwangere Frau Edith, dann ihn selbst aus dem Leben riss.

Egon Schieles Werke, die wie bei kaum einem anderen Künstler mit seiner Biografie in Verbindung gebracht werden, zählen heute zu den populärsten der Moderne und erzielen auf internationalen Auktionen Höchstpreise.